Deutschland | Energiesouveränität

Nachhaltige Trümpfe

Nirgendwo in der Bundesrepublik wird so viel erneuerbare Energie produziert wie in den norddeutschen Bundesländern. Dadurch leistet der Norden einen elementaren Beitrag für mehr Energiesouveränität in Deutschland. Zugleich eröffnet der Überschuss an grünem Strom auch im Bereich der Wasserstofftechnologie enorme Chancen entlang der gesamten Wertschöpfungskette.

Jens Bartels

Russlands Einmarsch in die Ukraine und die damit verbundene mögliche Aussetzung der russischen Gasimporte rückte die Energieabhängigkeit Deutschlands ins Rampenlicht. Einer aktuellen Studie des Kreditversicherers Allianz Trade zufolge könnte als energiepolitische Folge des Ukrainekriegs die grüne Energiewende sogar weitaus erfolgreicher gelingen, auch wenn kurzfristig wieder mehr der eigentlich unerwünschten Kohle bei der Stromerzeugung eingesetzt wird. „Mittelfristig dürften die ehrgeizigen Ziele Deutschlands den Anteil der erneuerbaren Energien am Strommix sogar über das Maß hinaus steigern, das für die Erfüllung der Pariser Klimaziele bis 2035 erforderlich wäre“, so der Allianz-Trade-Chef für den deutschsprachigen Raum, Milo Bogaerts. 

Voraussetzung dafür ist allerdings ein kräftiger Umbau von Abläufen in zentralen Bereichen des Stromsystems wie etwa konsequent vereinfachte und beschleunigte Planungs- und Genehmigungsverfahren für die Netzanbindung von Erneuerbaren Energien,  sowie  für Strom- und Wasserstoffnetze. Ein weiteres Ergebnis der Studie: Der Ausbau der erneuerbaren Energien bringt erhebliche Wachstums- und Beschäftigungsvorteile mit sich. Allein der Ausbau der Stromerzeugungskapazität aus erneuerbaren Energien erfordere bis 2035 Investitionen in Höhe von durchschnittlich 28 Milliarden Euro pro Jahr.

Schlüsselrolle beim Umbau und Energiesouveränität

Davon dürfte insbesondere der Norden Deutschlands profitieren, der eine zentrale Rolle bei der Energiewende einnehmen wird. Schon lange belegen die norddeutschen Bundesländer in Sachen erneuerbarer Energien im bundesweiten Vergleich Spitzenplätze und sind einer der Treiber des grünen Umbaus des Energiesystems. Dies gilt auch für den Bereich rund um das chemische Element Wasserstoff als dekarbonisierende Energiequelle. Bereits im Jahr 2019 haben die Bundesländer im Norden gemeinsam die Norddeutsche Wasserstoffstrategie verabschiedet – viele Projekte, Initiativen und Unternehmen arbeiten an der Entwicklung einer praxistauglichen Technologie. 

Mit dem Zugang zum Meer und den hohen Erzeugungskapazitäten von On- und Offshore-Windstrom hat Norddeutschland ideale Voraussetzungen, eine gut funktionierende und zugleich nachhaltige Wasserwirtschaft zu etablieren und Wasserstoff selbst emissionsfrei zu produzieren. Von dem großen Potenzial Norddeutschlands sind auch einige der großen Betreiber der Strom- und Gasnetze in der Bundesrepublik überzeugt. Sie kommen in einer Studie zu dem Ergebnis, die Wasserstoffelektrolyse am besten dort stattfinden zu lassen, wo auch der Strom aus erneuerbaren Quellen in großen Mengen anfällt, also in Küstenregionen mit hoher Windparkdichte. Konkret sehen die Betreiber deutliche Standortvorteile bei der großvolumigen Herstellung von grünem Wasserstoff im nordwestlichen Teil Niedersachsens sowie in Schleswig-Holstein.

Eine Wasserstoffpipeline, die die Transformation des Energiesektors hin zu ökologischen, kohlenstoffneutralen, sicheren und unabhängigen Energiequellen als Ersatz für Erdgas veranschaulicht.
Bildquelle: iStock | Petmal

 

Vielfältige Nutzung möglich

Grundsätzlich spielen bei diesem Thema die Farben Grau, Blau und Grün eine wichtige Rolle: Sie kennzeichnen den Herstellungsprozess von Wasserstoff. Grauer Wasserstoff wird aus klimaschädlichen fossilen Brennstoffen wie Erdgas oder Kohle gewonnen. Dabei entsteht CO2, das direkt in die Atmosphäre abgegeben wird. Bei blauem Wasserstoff werden auch fossile Brennstoffe verwendet, allerdings wird das CO2 gespeichert. Es gelangt somit nicht in die Atmosphäre; blauer Wasserstoff kann daher bilanziell als CO2-neutral betrachtet werden. Richtig nachhaltig wird es aber erst mit grünem Wasserstoff: Er wird mithilfe von Elektrolyse aus Wasser hergestellt – und das unter der Verwendung von Strom aus erneuerbaren Quellen. Damit ist grüner Wasserstoff CO2-neutral und gleichzeitig besonders umweltverträglich. 

Allerdings braucht es derzeit unabhängig von der Art des Herstellungsprozesses immer noch sehr viel Energie, um die Wasserstoffmoleküle vom Sauerstoff zu trennen. Dennoch wird die Wasserstoffwirtschaft beim Umbau der Energiesysteme und bei der weitreichenden Umstellung auf emissionsarme Technologien eine Schlüsselrolle einnehmen. Dafür sprechen eine Reihe von Vorzügen: Grüner Wasserstoff gilt als flexibel einsetzbar sowie leicht transportierbar. Er kann als Lieferant sowie als Langzeitspeicher von Energie zur Stromerzeugung eingesetzt werden. Außerdem hat er ein großes Potenzial, die Dekarbonisierung der energieintensiven Industriesektoren wie der Stahl-, Eisen- und Zementindustrie zu erleichtern, und wird nicht zuletzt auch als Energielieferant im schweren Güterverkehr oder im Schiffs- und Flugverkehr an Bedeutung zunehmen.

Studie „Transformation & Gesellschaft: Ein Stimmungsbild – Studie zur Energiewende und der Akzeptanz von Wasserstoff“ des norddeutschen Reallabors (Repräsentativ für Hamburg, Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern und Bremen)
Erschienen September 2022 in Nachhaltiger Norden

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